Stimmt so!

Ich gebe gerne Trinkgeld, meist automatisch. Zumindest an den Orten, wo Trinkgeld erwartet wird.

Traditionell wurde schon im Mittelhalter Trinkgeld gegeben. Der Begriff kommt daher, dass der oder die so Entlohnte davon „auf des Gebers, Wohl etwas trinken möge“.

Einst sollte das Trinkgeld eine Lohnlücke schließen. Nämlich damals, in feudalen Zeiten, als der Adel eine Armee von Angestellten hatte. Diese erhielten zwar einen Lohn, doch der war wohl zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.

Je nach Aufgabe erhielten die Bediensteten also ein wenig Extrageld: für einen Botengang, für das Warten mit der Kutsche vor dem Hotel oder für brisante oder hilfreiche Informationen. Sprich: Extraservice wurde extra bezahlt.

Auch heute noch ist es üblich, in bestimmten Berufen Trinkgeld zu erhalten: als Kellnerin, als Friseur, als Taxifahrerin.

Was mir bis heute unklar ist: Warum gibt man beim Taxifahren Trinkgeld, beim Busfahren aber nicht? Ausnahme: Bei längeren Busreisen hat es sich eingebürgert, dem Chauffeur ein von den Reisenden gesammeltes Trinkgeld zu überreichen.

Warum geben wir der Steuerfachangestellten kein Trinkgeld oder dem Versicherungsvertreter? Oder dem Kassierer im Supermarkt? Warum bekommt der Zugführer kein Trinkgeld, oder die Pilotin? Muss hier der Applaus reichen?

 

Apropos Applaus

 

Erinnerst du dich noch an das Jahr 2020, als es von zahlreichen Balkonen klatschte, um dem stark überlasteten Pflegepersonal zu danken, das über seine Grenzen arbeitete und sich in Gefahr begab?

Dieses Bild wird heute noch oft hergenommen, um zu erklären, dass Applaus keine Miete zahlt! Wollen die Menschen stattdessen Trinkgeld? Nein, sie wollen eine angemessene Entlohnung für ihren anspruchsvollen und lebensnotwendigen Job. Und zwar eine, die berechenbar ist und nicht vom Gutdünken ihrer „Kundschaft“ abhängt.

Und jetzt sind wir beim Kern des Pudels angekommen: Trinkgeld zu geben, weil Menschen in bestimmten Berufen von ihrem Lohn nicht leben oder gar eine Familie versorgen können, ist keine gute Tat. Es ist eine Schande!

Es muss sichergestellt sein, dass Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen, dafür so entlohnt werden, dass sie selbst auch die Dienstleistungen und Angebote anderer Menschen in Anspruch nehmen können. Will heißen: Alle müssen genug verdienen, ohne auf Trinkgeld angewiesen zu sein!

Ich finde, das ist ein valides Argument für den Mindestlohn, der ja in vielen Ländern gilt und regelmäßig angepasst wird. Gäbe es diesen nicht, wäre das genauso herablassend wie es der Adel einst war, der seinen Angestellten einen Hungerlohn zahlte und sich dann wunderte, wenn diese sich anderweitig bedienten.

 

Ist das schon Nötigung?

 

In den USA müssen Bedienstete in der Gastronomie, trotz Mindestlohn, weitestgehend von ihren Trinkgeldern leben. Alles, was unter 20 % (eher 25 %) Tip liegt, wird als unverschämt angesehen. Mittlerweile haben sich für Kreditkarten Bezahlterminals durchgesetzt, bei denen das Trinkgeld bereits vorgegeben ist.

Diese Unart breitet sich auch im deutschsprachigen Raum mehr und mehr aus. Der Gipfel: Selbst in Läden, wo es keinerlei persönlichen Service gibt, wie in Backshops, gibt es die Trinkgeldabfrage beim Selbstbezahlen mit Karte! Die Kundschaft erst arbeiten lassen und dann noch „Trinkgeld“ verlangen, das ist eine ziemlich dreiste Art der Unverschämtheit!

Meist sieht das so aus: Es gibt 3 Prozentzahlen zur Auswahl, die freie Eingabe steht darunter und der Knopf „Kein Trinkgeld“ steht ganz unauffällig und verschämt am Ende, sodass er bloß nicht auffällt. Psychologisch sehr clever, menschlich ausgesprochen bitter.

Vor allem, wenn dieser Trick nur dazu genutzt wird, die Einnahmen des Ladens durch die Hintertür zu erhöhen.

 

Das Gegenteil von Trinkgeld: Omotenashi

 

In Japan gibt es traditionell keine Trinkgeldkultur. Service ist dort gut, weil Service gut sein sollte, wie ich von Michael Okada lernte. Das Prinzip heißt „Omotenashi“ und bedeutet: Gastfreundschaft ohne Preisschild. Erst die Touristen haben ein Selbstverständnis, was jahrhundertelang galt, mit ihrer „Großzügigkeit“ erschüttert.

Manche Angestellten geben verwirrt das Trinkgeld zurück oder stellen, aus Überforderung „Tip Boxes“ auf. Vorher lief alles wie am Schnürchen, und jetzt, da Trinkgeld ins Spiel kommt, herrscht stellenweise Chaos.

 

Trinkgeld ist freiwillig und nicht wirklich gerecht

 

Um es klarzustellen: Wer gerne anderen Menschen mit Geld etwas Gutes tun möchte, darf in einem freien Land jederzeit großzügig Trinkgeld geben oder anderweitig Geld spenden. Genauso sollte es uns allen freigestellt sein, kein Trinkgeld zu geben (und zwar unabhängig vom Grund). Vielleicht deshalb, um den Menschen, die uns bedienen, ihre Würde zu lassen, anstatt sie daran zu erinnern, dass sie zu wenig verdienen (oder wenigstens nicht genug).

Übrigens: Wenn der Service schon in den Preisen einkalkuliert ist, bezahlen alle gleich viel. Und das eingenommene Geld kommt allen Beteiligten zugute – im Idealfall. Nämlich über den Lohnzettel. Das nennt sich Gerechtigkeit. So ist das in den Berufen, die kein Trinkgeld bekommen auch: bezahlt werden die Gehälter vom Umsatz.

 

Aber Trinkgeld ist doch Wertschätzung!

 

Mag sein. Doch Wertschätzung lässt sich auf vielseitige Art und Weise ausdrücken. Ein angemessener Lohn ist eine davon.

Er ist auch viel würdevoller!

Was ist deine Perspektive auf dieses Thema?

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Danke vielmals.

Gabriele Feile

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