Das Gegenteil von progressiv?

Konservative Haltungen sind heute, ganz entgegen dem Wortsinn, modern. Während in den frühen 2000er Jahren sich selbst ein Friedrich Merz gegen diese Bezeichnung gewehrt hätte, ist konservativ sein heute wieder „in“.

Woher kommt der Begriff „konservativ“? Es lässt sich zurückführen auf das lateinische Verb „conservare“, das so viel bedeutet wie: bewahren, erhalten.

Auch das Wort „Konserve“ leitet sich davon ab.

Und hier wird deutlich, worum es geht: Etwas Wertvolles soll haltbar gemacht werden, um es in die Zukunft zu transportieren und es dann ggf. zu konsumieren oder zu verwenden. An sich ein unterstützenswertes Unterfangen.

Konservativ wurde lange als Gegenteil von progressiv, also fortschrittlich gesehen. Das war der Grund, warum Merz et al. sich nicht so bezeichnet hatten. Denn gegen Fortschritt zu sein, hieß: gegen den wirtschaftlichen Erfolg zu sein.

Schwierig wird es nur, wenn selbst die blaue Partei vom ganz rechten Flügel, sich als konservativ bezeichnet. So geschehen etwa bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg als aus dieser Richtung doch tatsächlich behauptet wurde, die Menschen im Land wollten eine konservative Regierung (also eine Koalition aus CDU und AfD).

Und hier, finde ich, muss man doch mal fragen dürfen, was mit konservativ heutzutage wirklich gemeint ist.

Was heißt konservativ 2026?

Nehme ich Gespräche aus meinem privaten Umfeld als Grundlage und mische sie mit dem, was ich aus den Medien entnehme, dann ergibt sich für mich ein unklares Bild. Es scheint so, als ob recht viele Menschen alles, was in irgendeiner Form neu und anders ist fürchten: Zugewanderte aller Couleur, alternative Technologien, dringende Reformen.

Gleichzeitig wollen sie, dass die Wirtschaft und damit ihr Einkommen weiter wächst, ihr Arbeitsplatz (vor allem der), Sozialsysteme und Renten sicher sind und sie sowohl medizinisch als auch pflegerisch auch in Zukunft top versorgt werden – in ihrem Heimatland natürlich.

Wer eine solch durchweg konservative Haltung hat, will oft, dass sich nichts ändert und dass dennoch alles besser wird.

Oder: Dass sich ganz viel ändert, aber nur für die Anderen.

Vielen Menschen ist es wichtig, wenn auch nicht immer bewusst, den persönlichen Status, den Besitz und die Sicherheit, kurz den Wohlstand, zu konservieren.

Ein paar Fragen treiben mich dazu um:

 

  • Wollen sie auch, dass ihre Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder ein gutes Leben führen können?
  • Ist es ihnen wichtig, dass diese auch noch eine auskömmliche Rente bekommen und gute Gesundheitsversorgung?
  • Sollen ihre Abkömmlinge noch einen Planeten nutzen können, auf dem es saubere Luft, erträgliche Temperaturen und genügend Anbaufläche für Lebensmittel gibt?
  • Wollen sie, im biblischen und christlich (konservativen) Sinne, die Schöpfung erhalten?
  • Und wenn sie das alles wollen, woher kommt der Widerstand gegen all die notwendigen Schritte, die dafür sorgen, dass ihre Nachkommen und alle anderen Mitmenschen ein gutes Leben führen können?
  • Warum wollen sie sich neue Ansichten und andere Perspektiven nicht mal anhören?
  • Und warum tun sich Fakten so schwer, bei ihnen anzukommen?

 

Nostalgie oder Golden Age Thinking

Die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ scheint in unserer komplexen Welt immer ausgeprägter zu sein.

Seien es Menschen, die sich einen Kaiser zurückwünschen oder einfach nur den Mode- und Wohnstil der deutschen Kaiserzeit zelebrieren.

Seien es junge Frauen und Männer, die sich in die 1950er-Jahre zurücksehnen, als Männer noch das Geld heimbrachten und Frauen sie abends mit einem stärkenden Mahl und den Pantoffeln empfingen.

Seien es Boomer, die die 1980er-Jahre glorifizieren, weil damals wenigstens die Musik gut war und wir nur einen „kalten“ Krieg hatten.

Egal, welche Zeit es ist, in der Menschen lieber leben wollen: Es ist der Glaube, dass damals alles besser, leichter und angenehmer war.

Dieses Denken wird als „Golden Age Thinking“ bezeichnet (bekannt aus dem Film „Midnight in Paris“ von Woody Allen).

Dabei vergleicht man die positiven Faktoren einer vergangenen Zeit mit den alltäglichen negativen Faktoren der Gegenwart. In der Psychologie wird das auch als „rosy retrospection“ – also rosaroter Rückblick – bezeichnet.

Dass die Vergangenheit dabei besser abschneidet, liegt mehr als nahe.

Früher war alles besser, aber auch viel schwerer!

 

Apropos Nostalgie: In einer aktuellen Ausgabe der FunFacts (ein neues, unabhängiges Nachrichtenformat) stellt es Simon Pearce humoristisch dar: Menschen, die sagen, dass früher alles besser war sagen im selben Atemzug, dass früher alles viel härter war. Häufig genannt: der Schulweg (10 km zu Fuß, auch im Winter, ohne Schuhe).

Falsche Datenlage

 

Was bei dieser Form des Konservatismus (bleiben wir bei dem Begriff) auffällt, ist, dass sich junge Menschen in eine Zeit zurücksehnen, die sie selbst gar nicht erlebt haben.

Im Iran ist die Generation Z zum Teil für eine Rückkehr von Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten persischen Schahs. Tatsächlich wünschen sich die jungen Menschen wohl eher den damals relativ liberalen Lifestyle zurück.

In Europa wünschen sich junge Menschen (tendenziell mehr Männer), die alten Zeiten zurück. Sie fühlen sich von den Vorstellungen und Versprechen der rechtsextremen Parteien angezogen. Sie glauben, wenn die Frauen wieder „normale“ Frauen wären, die einfach nur für das Wohlergehen von Mann und Kindern da wären, würde es ihnen besser gehen.

Wer ehrlich ist, erkennt, dass es die gute alte Zeit nicht gab. Auch in den charmanten 1950ern, den wilden 1970ern oder den coolen 1980ern gab es Herausforderungen, Kriege, Gewalt, Krisen und Unsicherheiten.

Komplexität macht Angst

Weil in der extrem komplexen Welt, in der wir heute leben (und das unterscheidet sie wirklich von der Vergangenheit), wir alle ziemlich überfordert sind, wollen wir am liebsten einfache Lösungen, die (uns) nicht wehtun.

Genau das ist es, was die selbsternannte „Konservative“ den Menschen verspricht: einfache Lösungen für eine heile Welt.

Dabei hilft es vielen Menschen, Schuldige zu definieren und sie zu Sündenböcken zu machen.

Rechtsextreme Parteien nutzen diese „Schlichtheit“ in uns Menschen, um Stimmen zu fangen, wie der Rattenfänger von Hameln die Kinder.

Und ja, auch vom progressiven Lager kommen scheinbar einfache Lösungen, die ganz sicher die Welt nicht auf Knopfdruck besser machen.

Dennoch finde ich eine Erkenntnis absolut wichtig zu erwähnen, liebe SPD:

 

Viele der Errungenschaften, die konservativ eingestellte Menschen heutzutage unbedingt bewahren wollen, sind sozialdemokratischer Natur: Arbeitsschutz, Anspruch auf Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und vieles mehr.

Ohne progressive (heute oft als „links“ bezeichnet) Ideen und Forderungen, die engagierte Menschen in Parteien und Gewerkschaften umgesetzt haben, würden wir noch immer so leben und arbeiten wie vor 150 Jahren.

Das kann doch niemand ernsthaft wollen, oder?

 

PS: Zwei Kernfragen, die wir uns stellen können sind alsoWas lohnt es sich wirklich zu erhalten? Und was kann weg?

Was ist deine Perspektive auf dieses Thema?

Füge sie gerne in den Kommentaren unten hinzu.

Vielen Dank.

Gabriele Feile

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