Wir müssen nicht immer recht haben!
Erst mal eine gute Nachricht: Ich habe es wieder getan. Ich habe etwas Neues in die Welt gebracht. Etwas, das sich über viele Jahre in meinem Kopf immer mehr entwickelt hat, bis es schließlich im April 2026 wahr wurde.
Und damit habe ich meine Lebensaufgabe erfüllt, indem ich wieder mal eine Brücke zu scheinbar unerreichbaren Orten gebaut habe.
Mein neuestes „Baby“ heißt: „Frequenz-Raum“.
Für Visionärinnen wie mich, gibt es nichts Schöneres, als wenn aus einer Idee eine Tatsache wird. Wenn das Konzept, das nach und nach gewachsen ist, auf echte Menschen trifft. Und, wenn diese genauso begeistert sind, wie ich!
Was ist der Frequenz-Raum und warum gibt es ihn?
Unter anderem, weil wir verlernt haben, miteinander zu reden, ohne uns zu verteidigen.
Dieses Format ist ein Experiment: Was passiert, wenn wir einen Abend lang nicht recht haben müssen – sondern wirklich zuhören?
Im Frequenz-Raum kommen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen in einen gemeinsamen Gesprächsraum – respektvoll, offen und ohne Meinungskampf. Jedes Mal treffen sie auf ein relevantes, gesellschaftliches Thema.
Jetzt geht es darum, zuzuhören, voneinander zu lernen und herauszufinden, was uns als Gesellschaft verbindet.
Es ist nicht genug für alle da!
Beim ersten Treffen ging es um nichts weniger als um einen neuen Generationenvertrag. Wir fragten uns: Was brauchen die Generationen, um einander ernst zu nehmen und zu unterstützen?
Am Ende stellten wir, neben einigem anderen, fest, dass es ein Gefühl gibt, das uns alle stark beeinflusst: Angst, speziell die sogenannte Existenzangst.
Die Jüngeren haben zudem Angst vor der Verantwortung, die sie im Alter tragen müssen. Und außerdem geben sie zu, dass sie oft Angst haben, etwas zu verpassen. Von den Älteren kam ohne Zögern: Es ist die Angst, zu kurz zu kommen.
Ein Ausflug zu: Blumen, Natur und Ehrenamt
Nur drei Tage nach dem Frequenz-Raum wurde eine andere Vision Wirklichkeit. Die baden-württembergische Landesgartenschau (LGS) wurde hier in unserer Stadt feierlich eröffnet. Sie läuft unter dem wundervollen Motto: Lust am Wandel.
Mit rund 1050 anderen bin ich dort als Ehrenamtliche engagiert. Wir übernehmen Jobs wie Besucherempfang, Begrüßung der Busgruppen und Zugreisenden, Geländepflege, Veranstaltungsservices und Führungen über das Gelände.
Zu 60 Stunden ehrenamtlicher Arbeit haben wir uns verpflichtet. Diese können wir selbstständig planen und über die Laufzeit der LGS (164 Tage) verteilen. Dafür kommt eine App zum Einsatz, die an und für sich recht einfach zu bedienen ist.
Und jetzt kommt die Angst zurück!
Als die ersten Schichten geöffnet wurden, machten viele der Ehrenamtlichen eine gemeinsame Erfahrung: Sie bekamen keine oder kaum eine Schicht ab. Innerhalb von wenigen Minuten waren die Hauptarbeitsbereiche komplett „ausgebucht“. Es waren schlicht nicht genug Schichten für alle da.
Es kam Unmut auf, der online wie offline geäußert wurde. Dank Mundpropaganda stellte sich heraus, dass es wohl zahlreiche Ehrenamtliche gibt, die sich das Maximum an Schichten geangelt haben und wohl auch über die erlaubten 18 Stunden pro Monat gehen würden, wäre es möglich.
Gemeinwohlorientiert wäre es, auch an die Anderen zu denken, und ihnen was übrigzulassen, indem man weniger nimmt, ohne dabei einen Mangel zu empfinden. Ähnlich wie am Esstisch.
Während mich diese Situation am Anfang einfach nur überraschte und dann etwas unter Druck setzte (obwohl ich aus purem Glück ein paar Schichten buchen konnte), fiel es mir nach dem Abend im Frequenz-Raum wie Schuppen von den Augen:
Geschätzt mindestens zwei Drittel der Ehrenamtlichen sind bereits in Rente – und dabei noch fit genug, um körperliche Arbeit zu verrichten.
Sie sind Boomer, und zwar traditionell viele!
Als sie jung waren, haben sie gelernt, dass prinzipiell nicht genug für alle da ist: Ausbildungs- oder Studienplätze, Sitzplätze im Hörsaal, Jobs, Wohnungen etc.
Sie mussten sich stets einem gnadenlosen Wettbewerb stellen und dabei ging es ihnen in Fleisch und Blut über: Schau, dass du schneller, smarter und einsatzfreudiger bist als die Anderen!
Deshalb schaffen sie es wohl, die Öffnung der Ehrenamts-Schichten genau abzupassen und sofort zu reagieren. Erstmal nehmen, was geht. Absagen kann man immer noch (was übrigens regelmäßig vorkommt).
Mir, als Angehörige der ignorierten Generation X, die immer schon im Schatten der vielen Babyboomer stand, liegt nichts ferner, als mit Ellbogen gegen die Konkurrenz zu kämpfen. Wir akzeptieren das, was da ist, machen pflichtschuldig unsere Arbeit und reden nicht groß darüber.
Stattdessen sind wir mit einer gewissen Langmut ausgestattet. Das zeigt sich, indem wir vorhersagen, dass sich der anfängliche Eifer bald legen wird und wir noch ausreichend Gelegenheiten haben werden, zu arbeiten.
Denn wir haben gelernt: Es gibt immer etwas (für uns) zu tun, oft zu viel. Wir halten den Laden still und leise am Laufen, weil wir uns verantwortlich fühlen. Unsere Angst ist die, nicht (gut) genug zu sein. Vermutlich sind wir die Generation mit den meisten Burnout-Geplagten. Auch nicht schön.
Und vielleicht verstehe ich wegen dieser Erfahrung nicht, wie man das Gefühl haben kann, zu kurz zu kommen, wenn es doch um Arbeit geht, noch dazu um unbezahlte Arbeit.
Wer kann mir das erklären?
Was ist deine Perspektive auf dieses Thema?
Füge sie gerne hinzu.
Einfach unten einen Kommentar hinterlassen!
Danke vielmals.


