Jede Anstrengung ist eine zu viel!

Vor zwei Jahren las ich das Buch von Bill Bryson „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“. Der Autor lebt in einem alten Pfarrhaus in England. Es stammt aus der viktorianischen Zeit und er erfährt, dass auf dem früheren Friedhof (jetzt der Garten) in etwa 20.000 Menschen begraben wurden – im Laufe der Geschichte. So zu leben muss man mögen!

Jedenfalls stellt Bryson sein Haus Etage um Etage und Raum für Raum vor. Dabei taucht er tief ein in die Geschichte und in alte Pläne und Bilder. Weil er gerne erklärt, erfahren wir beim Lesen, wie so alltägliche Dinge wie eine Gabel mit ausgerechnet 4 Zinken oder eine Toilette mit Wasserspülung entstanden sind.

Ein Buch voller Aha-Momente. Geblieben sind bei mir davon nur sehr wenige.

Eine Sache aber ist bis heute in meiner Erinnerung. Alle fortschrittlichen Entwicklungen und Erfindungen rund ums Haus hatten denselben Zweck: es den Menschen möglichst bequem zu machen. Es ging um weniger Mühsal, weniger körperliche Anstrengung und mehr Luxus (für die, die es sich leisten konnten).

Damals nutzten die Errungenschaften hauptsächlich den Reichen. Ihre Bediensteten hatten auch was davon: Dank Wasserklosett entfiel das Entleeren der Nachttöpfe der Herrschaften und vieles andere. Bis die „untere Schicht“ von diesen Erfindungen profitieren konnte, musste erst der Kapitalismus erfunden werden. Und dennoch: Der Treiber für all diese Neuheiten war nicht Geld, sondern der Wunsch nach Bequemlichkeit.

Diese Art der „Evolution“ hat dazu geführt, dass wir heutzutage im Alltag kaum noch Muskelkraft, Grips oder Organisationstalent brauchen: Rasenmähen: macht ein Roboter. Staubsaugen? Auch. Wäsche und Geschirr werden maschinell sauber gemacht und getrocknet. Fürs Kochen gibt es so viele Helferlein, dass man es sich sparen kann, Rezepte zu sammeln oder selbst am Herd zu stehen. Während der Thermomix kocht, kann man so herrlich entspannt durch Instagram scrollen!

Briefeschreiben ist heute nur noch ein Hobby für scheinbar exzentrische Menschen mit viel Zeit. Selbst telefonieren erscheint antiquiert. Die Fähigkeit, sich sämtliche relevanten Telefonnummern zu merken, die wir „Älteren“ seit unserer Kindheit drauf haben, zählt heute nichts mehr!

 

Die Bequemlichkeit hört an der Haustür nicht auf

 

Dank der Erfindung des Autos ist es uns heute möglich, einen einzelnen menschlichen Körper zusammen mit mehreren Tonnen Stahl eigenhändig von A nach B zu transportieren. Das wird sogar schamlos für Strecken genutzt, die kürzer sind als die, die unsere Vorfahren für sauberes Trinkwasser zu Fuß zurücklegen mussten.

Der patriarchalen Stadtplanung sei Dank: Auch die Fahrzeuge haben es bequem. Sie „arbeiten“ im Schnitt nur eine Stunde am Tag. Die restliche Zeit ruhen sie sich stehend auf komfortablen Parkplätzen aus. Natürlich in Fußnähe zum Aufenthaltsort derer, denen sie gehören.

Um in der einen Stunde pro Tag möglichst schnell voranzukommen, sind gute und viele Straßen gefordert. Und zwar solche, wo es keine Staus gibt. Sobald sich die Fahrzeuge vor der eigenen Haustür ballen, wird es vielen zu unbequem. Sie fordern: Weg mit den Autos (nicht mit dem eigenen, natürlich)!

Jahrzehntelang werden Umgehungsstraßen geplant und irgendwann gebaut – ohne Rücksicht auf die Naturflächen, die damit unwiderruflich verloren gehen. Bei der Planung scheint nichts zu viel, denn die Bequemlichkeit siegt auch hier.

Die anderen Straßen stattdessen zu begrünen (das macht Paris übrigens seit vielen Jahren sehr erfolgreich, dank ihrer Bürgermeisterin), kommt nicht infrage. Sie werden doch als Parkfläche gebraucht. Fun Fact: Umgehungsstraßen reduzieren den Verkehr nachweislich nicht, sie erhöhen ihn sogar! Im Namen der Bequemlichkeit ist das aber zu verkraften.

 

Genug zu essen – aber Energiehunger ohne Ende!

 

Es ist ein großer Fortschritt, dass sich der Hunger auf der Welt in den letzten Jahrzehnten reduzieren ließ. Er würde übrigens ganz verschwinden, wenn die Nahrungsmittel gerecht verteilt wären und wir im Westen nicht so viel importieren und später wegwerfen würden. Das schlechte Gewissen beruhigen vielleicht Biogasanlagen, wo unser Biomüll zu Energie wird für all die Geräte, die ja nicht mit Muskelkraft, sondern mit Strom oder fossilen Energien betrieben werden müssen.

Ganz zu schweigen von den großen Müllhaufen aus überwiegend Plastik und Elektroschrott, die sich über die Welt und die Meere verteilen. Denn selbstverständlich werden die Gerätschaften nicht für die Ewigkeit hergestellt, obwohl wir es könnten. Nein, sie dürfen nicht zu alt werden, sonst kauft ja niemand mehr Neues! Gerade passiert mit meiner Heißluftfritteuse: Zwei Wochen nach Ablauf der Garantie: Kurzschluss! Jetzt setze ich auf die Profis beim Repair Café.

 

Ein Ende der Bequemlichkeit ist nicht in Sicht

 

Anstatt darüber nachzudenken, wie wir weniger Energie verbrauchen, reden selbst die Grünen davon, dass für unendliches Wachstum und Wohlstand noch mehr Energie erzeugt werden muss! Sie haben schmerzlich gelernt, dass Begriffe wie „Reduktion“ oder „Verzicht“ nicht nur Wählerstimmen, sondern auch Sympathie kosten.

Der Drang der Menschen nach noch mehr Bequemlichkeit hat bis dato dazu geführt, dass Künstliche Intelligenzen (KI) panikartig überall eingesetzt werden, wo noch Menschen denken und handeln. Dass eine Anfrage via z. B. ChatGPT enorme Mengen an Energie frisst, hat sich wohl noch nicht herumgesprochen.Oder wird geflissentlich ignoriert – so wie die Klimaziele von Paris und die nachfolgenden Generationen.

Wenn wir nach und nach alle durch KI ersetzt werden, ist der Job von uns Menschen vielleicht bald ausschließlich der, dafür zu sorgen, dass die Maschinerie genügend Energie bekommt. Werden wir damit ausgelastet sein oder haben wir womöglich Zeit zum Müßiggang?

Wir könnten wieder Briefe schreiben, oder wenigstens Geburtstagskarten. Oder wollen wir lieber, dass eine KI automatisch und pünktlich Glückwünsche verschickt, die von einer anderen KI dankend beantwortet werden

 

Bequemer wär’s ja!

 

PS: Sobald wir Menschen nicht mehr arbeiten müssen, haben wir endlich den Zenit der Bequemlichkeit erreicht. Das war’s dann halt auch mit dem Kapitalismus. Das wäre doch ein schönes Ende!

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Gabriele Feile

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