Viereinhalb Stunden Selbstdarstellung
Die Aufregung und der Hype sind verpufft, also kann ich das Thema mit genügend Abstand betrachten: Bernd (der heißt doch so?) Höcke, der Fraktionsvorsitzende der AfD im thüringer Landtag gab ein Interview. Soweit ist das nicht spektakulär.
Dass dieses Interview viereinhalb Stunden dauerte und mittlerweile über 5,8 Millionen mal angeschaut wurde, schon.
Denn das Interview war keines im schnöden Fernsehen, also bei Lanz und Konsorten. Nein, es fand in einem Podcast statt, der von Benjamin „Ben“ Berndt betrieben wird, und „Ungeskriptet“ heißt. Es wird also nichts abgesprochen, geprobt oder rausgeschnitten.
Ben unterhält sich laut eigenen Worten gerne mit interessanten Menschen, weil er sie ganz persönlich kennenlernen will. „Mit ihnen reden, statt über sie.“ Und weil man davon nicht leben kann, zeichnet er diese Gespräche auf und promotet und bewirbt sie intensiv.
Wichtig ist ihm, zu betonen, dass er kein Journalist ist. Mag sein. Doch mit seinem Format übt er eine journalistische Tätigkeit aus.
Gewollte Einflussnahme
Die Berufsbezeichnung Journalist/Journalistin ist tatsächlich nicht geschützt. Definiert wird die Tätigkeit damit, dass jemand Nachrichten, Kommentare und Beiträge sammelt, aufbereitet und verbreitet.
Damit ergibt sich ein Einfluss auf die öffentliche Meinung. Ein wichtiger und oft gewollter Aspekt, der nicht unterschätzt werden darf. Vor allem, wenn man, wie Ben Berndt, weit über 1 Million Follower über mehrere Kanäle verteilt hat.
Ein feiner Unterschied und ein blinder Fleck
Der Unterschied zwischen den sogenannten Influencern zu gelernten oder klassisch praktizierenden Journalistinnen und Journalisten ist, dass letztere sich einem Berufsethos verpflichtet fühlen und sich (in Deutschland) an den Pressekodex des deutschen Presserats halten – in der Regel. Das bedeutet u. a.: Sie recherchieren gründlich, finden vertrauenswürdigen Quellen, arbeiten transparent und sorgfältig. In anderen Ländern mit freier Presse gibt es ähnliche publizistische Grundsätze.
Kurzum: Wahrhafte Journalistinnen und Journalisten sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und nutzen diese nicht aus. Sie sollten neutral berichten.
Hier liegt meines Erachtens allerdings ein blinder Fleck.
Denn: Auch Mitglieder der Journaille sind Menschen. Ihre persönliche Haltung und ihre Erfahrungen von ihrem Beruf zu trennen, ist auch für sie nicht immer leicht. Deshalb glaube ich nicht, dass Nachrichten und die Auswahl derer immer neutral sind.
Getarnte Unabhängigkeit
Influencer, Podcaster, Streamer – wie auch immer sie genannt werden – arbeiten nach einem speziellen Prinzip. Sie lassen sich in der Regel nicht von ihrer „Kundschaft“ finanzieren, sondern generieren Werbeeinnahmen von den Plattformen, auf denen sie präsent sind, allen voran YouTube, Instagram oder TikTok. Je mehr Aufrufe ihre Beiträge haben, desto mehr rollt der Rubel.
Zusätzlich gehen sie Kooperationen ein. Das heißt: Videos werden von Partnerfirmen gesponsert.
Natürlich ist diese Art des Geldverdienens legitim. Allerdings schwindet damit natürlich die vielgepriesene Unabhängigkeit der selbsternannten unabhängigen Medien.
Hinzu kommt: Die großen Plattformen gehören überreichen Oligarchen, die massiv Einfluss nehmen auf die öffentliche Meinung. Ausgeklügelte Algorithmen spielen die Beiträge aus, die idealerweise am meisten geklickt werden. Empörung und Wut funktionieren dabei besonders gut, als Ableger von Ängsten.
Eine kurze Erinnerung an alle, die den ÖRR (Öffentlich Rechtlichen Rundfunk) kritisch sehen: Hier bezahlen u. a. wir Nutzenden, damit die Redaktionen uneingeschränkt und weitgehend unabhängig ihre Arbeit machen können.
Zurück zu den Bernds
Auch Ben Berndt macht Werbung. Im genannten Video preist er ein Tool für Finanzanlagen an. Plus: Allein von YouTube dürfte er eine Menge Werbeausschüttungen bekommen haben.
Er war laut eigenen Worten sehr überrascht von der großen Resonanz auf dieses Videos. Allerdings kann man im Netz viel Werbung und auch Pressemitteilungen finden, die den Gast im Vorfeld groß ankündigen.
So blauäugig, wie er sich gibt, ging er dann wohl doch nicht an die Sache heran. Oder sein Team hat einfach einen guten Job gemacht. Business as usual.
Das besagte Interview mit einem, der gefährlich lebt
Vorweg: Ich habe das Video nur ungefähr zu 60 % gesehen, und meine Schlüsse daraus gezogen.
Im Video kam Ben sehr sympathisch rüber. Auf mich wirkte er wie ein jovialer Personalberater, der einen aussichtsreichen Jobkandidaten interviewt, obwohl er noch keine Stelle für ihn in petto hat.
Höcke durfte fast ohne Unterbrechung seinen Lebenslauf erzählen – angefangen von seiner Kindheit und seiner Zeit als Lehrer, sogar als Vertrauenslehrer. Auch die Familie kam vor, seine jetzige und seine ursprüngliche.
Er machte das genau so, wie es ein Jobsuchender machen sollte: Er war professionell, wirkte menschlich und machte kleine Fehler, um Sympathien zu gewinnen. Und zwar nicht beim Interviewer, sondern bei uns allen, die wir zuschauen.
Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. Was mich allerdings sehr irritiert hat, war, dass Ben kaum kritische Nachfragen stellte (obwohl er hin und wieder die Augen verdrehte).
Er unterbrach Höcke so gut wie nie und schien wirklich aktiv und konzentriert zuzuhören. Er überließ den Fortgang des Gesprächs seinem Gegenüber und griff nur auf wenige vorbereitete Fragen zurück. Die paar Fragen, die er stellte, waren unkonkret, weichgespült und (im Vergleich zu Höcke) rhetorisch schwach.
Fast therapeutisch musste das auf Höcke wirken, der sich u. a. ausführlich über seine Familiengeschichte (Vertreibung aus ehemaligen deutschen Ostgebieten) ausließ.
Kurzum: Für Höcke muss das Gespräch eine Wohltat gewesen sein. So wie es für die meisten von uns eine Wohltat ist, wenn wir das Gefühl haben, dass uns jemand wirklich sieht, hört und wahrnimmt.
Zur Erinnerung: Auch Höcke ist ein Mensch mit Gefühlen, Bedürfnissen Zweifeln und inneren Traumata. Er spielt das Opfer, mit dem man Mitgefühl haben kann, perfekt. Und auch den Helden, der ohne Personenschutz kaum aus dem Haus gehen kann.
Übrigens: Auch der Fragende, Ben, bringt einen emotionalen Rucksack mit, wie man auf seiner Website lesen kann. Sein Podcast ist womöglich seine Art, wie er seine inneren Themen löst.
Dozierend wie ein Lehrer
Während also der Interviewer auf eine angenehme Gesprächsatmosphäre aus ist, spricht der Interviewte in klarem AfD-Sprech von einer „Implosion des Staates“, von einer „Integration im Inland“ und von „Sprachloyalität“ zum Deutschen. Dabei nutzt er oft neuartige Begriffe.
Fast unterwürfig wirkt es, als Ben immer wieder „Millenial-Denglish“ spricht und dann verlegen versucht, einen deutschen Ersatzbegriff zu finden. „Sprachloyalität, junger Mann!“ rügt ihn daraufhin der Lehrer Höcke.
Reproduziert euch gefälligst!
Das Krasse: Politisch geht es in dem Video fast ausschließlich um das Stammthema der AfD: Migration. Ob diese geordnet oder „illegal“ ist, spielt keine Rolle. In „Fremden“ findet Höcke die idealen Sündenböcke.
Und im Ausweisen der Nicht-Deutschen liegt für ihn die Lösung aller Probleme. Natürlich nur im Zusammenspiel mit einer gesteigerten „Reproduktionsaktivität“ der echten Deutschen!
Das hat mich nicht berührt!
Als ich mit dem Video durch war, war ich weder aufgewühlt, noch überrascht noch geläutert. Ich hatte, ehrlich gesagt, genau das erwartet.
Auf mich hat Höcke keinen bleibenden Eindruck gemacht, auch wenn ich ihm quasi diese Kolumne widme.
Mir kam relativ schnell die Erkenntnis, warum er, den man durchaus als „Menschenfänger“ bezeichnen kann, mich nicht fangen konnte:
Nicht nur, dass ich seine Meinung nicht teile: Ich teile seine Ängste nicht!
Weder habe ich Angst vor Überfremdung, noch davor, dass es die Deutschen irgendwann nicht mehr gibt.
Bei mir haben seine Aussagen also weder Furcht noch Wut ausgelöst. Auch fühle ich mich nicht minderwertig, obwohl ich eine Frau bin (auch noch eine ohne Kinder).
Und genau das ist es, was Parteien wie die AfD kapiert haben: Mach Menschen wütend, dann glauben sie dir! Und sag ihnen immer wieder, wer an ihrem miesen Leben scheinbar schuld ist.
Menschen, die sich unsicher, unwohl oder wertlos fühlen, werden sich von dieser Kommunikation angesprochen fühlen.
Hat Ben seine Mission erfüllt?
Im Podcast Ben Ungeskriptet kommen sehr unterschiedliche Menschen zu Wort. Er lädt Menschen ein, die oft extreme Haltungen haben und polarisieren (wollen). Und er meint das wirklich gut: Er will diese Menschen der Öffentlichkeit vorstellen.
Vielleicht glaubt er, dass er damit zu mehr Verständnis und mehr Zusammenhalt beiträgt. Doch das gelingt ihm leider nicht. Stattdessen wird die Spaltung noch größer.
Denn: Wir Menschen lieben das, was unsere Meinung und unsere Ansicht bestätigt. Psychologisch heißt das „Confirmation Bias“. Das heißt: Alles, was unserem Weltbild entspricht, mögen wir besonders. Davon wollen wir mehr und wir unterstützen alles, was das ermöglicht.
Beiträge, die stark polarisieren, tragen also nicht zu mehr Verständigung bei, sondern zu noch mehr Spaltung. Gut fasst das Benedikt Held vom Kanal „Die Redefabrik“ hier zusammen. Ben hat also seine durchaus hehre Mission nicht erfüllt.
Funfact: Auf der Website von Ungeskriptet kann man sich als Gast bewerben. Allerdings muss man auch angeben, ob man mehr oder weniger als 10.000 bzw. 100.000 Follower hat.
Was ist die wahre Alternative für die Welt?
Die AfD tut so, als ob sie „den kleinen Mann“ repräsentiere. In Wirklichkeit ist ihr Parteiprogramm nur auf die Vorteile für weiße, deutsche, tendenziell (sehr) reiche Männer abgestimmt.
Es wird oft gefordert, dass man mit rechtsextremen Parteien reden müsste. Sie müssten öffentlich mehr zu Wort kommen, weil sie anscheinend einen Großteil der Bevölkerung repräsentierten.
Frage: Ist das „Normalisieren“ wirklich die Lösung?
Wäre es nicht viel hilfreicher, wenn wir statt der abgeschliffenen Aussagen des politischen Personals in Talkshows oder Podcasts mehr von „normalen Menschen“ hören und sehen würden? Menschen, die mit ihren täglichen Herausforderungen konfrontiert sind und vielleicht sogar gute Lösungen gefunden haben?
Ja, die klicken nicht so gut! Aber vielleicht haben sie mehr zu sagen!
Wir können damit beginnen, dass wir untereinander offener und interessierter sind und einander wirklich zuhören.
Und zwar nicht, um zu antworten, sondern um zu verstehen.
Nicht aus Neugier und Sensationslust, sondern aus Interesse.
Nicht, um Recht zu haben, sondern um eine Lösung für alle zu finden.
Nicht, um bestätigt zu werden, sondern um zu lernen!
Fatalerweise sagt Höcke gegen Ende des Gesprächs genau das: Als Politiker muss man mit jedem ins Gespräch kommen. Deshalb rede er mit jedem.
Ob er auch mit den Fremden redet, über die er ständig redet?
PS: Das mit dem interessierten Zuhören und der Erkenntnis, dass man nicht immer Recht haben muss, üben wir übrigens im Frequenz-Raum. Schau hier, wie unsere wahre Alternative aussieht.
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