Am Katzentisch sitzen die „Übriggebliebenen“

Vor einigen Jahren war ich zu einer Hochzeit eingeladen. Die Feier fand in einem bekannten Museum in Frankfurt statt. Ich kannte bis dato nur die Braut – den Bräutigam flüchtig. Daher freute ich mich, ein paar neue Leute zu treffen und kennenzulernen.

Ich reiste alleine an und dachte mir nicht viel dabei. Anders die Braut, die mich schon Wochen vorher wiederholt daran erinnert und darauf vorbereitet hatte, dass ich ja alleine kommen und niemanden kennen würde. Sie meinte es vermutlich gut.

Vor Ort gab es einen runden Tisch, an dem ich platziert wurde. Mit am Tisch saß ein bunter Haufen von Freunden und Freundinnen des Brautpaars, die meisten, wie ich, alleine. So weit, so unspektakulär.

Man hätte das einfach so hinnehmen können und einen schönen Tag verleben. Stattdessen betonte die Braut bei ihrem Besuch am Tisch, dass sie uns alle zusammengesetzt hätte, weil wir ja alle alleine da wären (bis auf ein Ehepaar).

Und dann gab es eine Frau am Tisch, die es nicht lassen konnte, und immer wieder in dieselbe Kerbe haute: Hier sitzen ja alle die Übriggebliebenen, die nicht an den anderen Tischen sitzen dürfen.

Ich machte gute Miene zum traurigen Spiel. Denn: Ich selbst sah keinerlei Grund, unseren Tisch und damit uns und mich selbst herunterzumachen.

Der Tisch, an dem wir saßen, war genauso schön wie die anderen (kein Katzentisch). Wir hatten einen guten Blick auf das Brautpaar, bekamen dasselbe gute Essen wie alle anderen und waren auch ansonsten nicht benachteiligt. Wäre das „Thema“ nicht mehrfach angesprochen worden, hätte es für mich keine Rolle gespielt.

Dennoch schien es so, als ob die Gästin und auch die Braut sich für irgendwas rechtfertigen wollten.

 

Die Freiheit, alleine zu sein

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die selbstbewusst und „für sich“ irgendwohin gehen, in der Regel interessante Geschichten erzählen können. Weil sie interessante Menschen sind. Sie erleben das Leben anders, vielleicht intensiver, und definitiv aus einem ganz persönlichen Blickwinkel.

Damals war das Buch von Sarah Diehl, „Die Freiheit, alleine zu sein – Eine Ermutigung“ noch nicht verfasst. Als es 2024 herauskam, hatten wir eine Pandemie hinter uns und das Thema Einsamkeit war populär geworden. Grund genug für Frau Diehl, ein Plädoyer für das Alleinsein zu halten.

Ich habe den Schmöker selbstverständlich gelesen und mich in vielen Geschichten wiedergefunden. Wie der Buchtitel schon sagt, ist das Alleinsein für manche Menschen ein individueller Ausdruck von Freiheit.

Plus: Wer sich Zeit (und Raum) für sich nehmen kann, ist in unserer Gesellschaft quasi privilegiert. Denn all die Verpflichtungen, die ein „normales“ Leben mit sich bringt, halten viele Leute davon ab, hin und wieder oder auch öfters alleine zu sein. Sie haben es verlernt oder kennen es schlicht nicht.

Leider selbstredend ist es, dass es für Frauen auch im fortschrittlichen 21. Jahrhundert noch ungleich schwieriger bzw. weniger akzeptiert ist, alleine zu leben oder einfach nur Dinge alleine zu tun. Und zwar auch bei den Frauen selbst.

Schon 1929 hat die britische Schriftstellerin Virginia Woolf in einem Vortrag, der später als Buch herausgegeben wurde, dafür plädiert, dass Frauen (neben einem regelmäßigen Einkommen) in jedem Fall ein Zimmer für sich allein brauchen. Ein Zimmer, in welchem sie sich entfalten können. Einen Rückzugsort. Einen Freiraum für die Freiheit, allein zu sein.

Hand aufs Herz, ihr Frauen: Wer von euch hat so ein Zimmer ganz für sich? Und nein, die Küche oder der Hauswirtschaftsraum sind damit nicht gemeint.

 

Sich ohne Begleitung in der Öffentlichkeit zeigen war mal ein Skandal

 

Im viktorianischen Zeitalter, das Virginia Woolf als junge Frau erlebte, durften bürgerliche Frauen, vor allem, wenn sie unverheiratet waren, das Haus nicht ohne Begleitung verlassen. Eine Gouvernante, die Eltern oder ein männlicher Begleiter (Bruder, Kutscher etc.) mussten sie begleiten.

Während die wohlhabenden Töchter zu Hause vielleicht ein Schlafzimmer für sich hatten, hatten sie außerhalb des Wohnhauses keinerlei Freiheit, um allein zu sein. Übrigens ist das ein Merkmal des Patriarchats.

Was bin ich froh, dass ich im 21. Jahrhundert in Europa lebe. So kann ich entscheiden, wo ich hingehe, ohne dass ich Begleitung brauche.

Wo ich schon überall alleine war: im Kino, im Schwimmbad, im Museum, im Gottesdienst, im Theater, im Musical, im Rockkonzert, im Urlaub, auf Kongressen, im Café, im Restaurant, bei Führungen, bei Vorträgen, im Wellness-Hotel, bei Vernissagen, im Kloster (als Urlaubsort), auf Ausflügen etc.

Ein Vorteil, den ich an „Alleingängen“ zu schätzen weiß: Es ist einfacher, etwas wirklich zu tun, wenn ich mich mit niemandem abstimmen muss. Spontane Unternehmungen sind genau das: spontan möglich.

Natürlich gefällt es mir auch, mich mit anderen Leuten zu treffen, Verabredungen zu haben und gemeinsam etwas zu erleben. Doch was sich im Laufe der Jahre geändert hat, ist: Ich fühle mich nicht mehr davon abhängig. Ich bin in der Lage, Dinge, die mir wichtig sind, sogar dann durchzuziehen, wenn jemand eine Verabredung absagt.

Ich genüge mir einfach selbst und genieße das Erlebnis.

 

Sich trauen, sich alleine zu zeigen

 

Im Alltag fällt mir auf, dass es Menschen gibt, die es nicht einmal schaffen, alleine spazieren zu gehen. Wenn kein Mensch parat steht, muss ein Kinderwagen mit Kind oder zumindest ein Hund herhalten. Nur so ausgestattet zeigen sie sich draußen, tagsüber, womöglich an einem Werktag.

Das heißt: Es muss eine Begründung geben, dass man einfach so alleine unterwegs ist. Sich selbst genug zu sein, reicht als Grund scheinbar nicht aus. Man will sich ja nicht verdächtig machen!

 

Die Angst vor der Einsamkeit

 

Häufig wird impliziert, dass Menschen, die alleine sind, auch einsam sind. Doch Alleinsein und Einsamkeit sind zwei ganz unterschiedliche Dinge.

Wer sich einsam fühlt, spricht oft davon, dass etwas fehlt: Verbundenheit, Verständnis, Ansprache, Aktivität. Es fällt einsamen Menschen häufig schwer, in Kontakt mit Anderen zu treten.

Wer alleine ist, kann damit absolut im Frieden sein, nämlich dann, wenn er/sie sich dies selbst ausgewählt hat. Sie/er fühlt sich dann weder einsam noch isoliert. Der Kontakt zu anderen Menschen erfolgt genau dann, wenn er wieder gebraucht wird und guttut.

Bis dahin sind sie sich selbst genug. Und zwar gerne.

 

Zum Schluss die Gretchenfrage:

Wie hältst du es mit dem Alleinsein?

 

Diese Kolumne erscheint auch im Magazin #schmetterlingsfrequenz No. 11, Schwerpunkt: Die Kraft des Alleinseins. Mit tiefgehenden Inhalten und leichten Impulsen für wirksame Alleinzeit.

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Gabriele Feile

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