Die Schöpfung ist vollkommen, der Mensch nicht
Die Natur hat ihre eigenen Gesetze und alles darin arbeitet harmonisch zusammen. Das ist ein Meisterstück der Schöpfung (von wem auch immer).
Alles? Nicht ganz. Es gibt diese eine invasive Art, die sich über Jahrtausende immer weiter ausgebreitet hat und der Natur ständig ins Handwerk pfuscht. Weil sie nämlich glaubt, sie sei intelligenter als der Rest der Welt.
Menschen versuchen spätestens seit der Sesshaftwerdung vor ca. 10.000 bis 15.000 Jahren, sich die Erde untertan zu machen. Dabei gab es damals noch gar keine Bibel, in der das stand.
Wie ordentlich ist die Natur?
Gärten entstanden, weil jemand einen Zaun um ein Stück Land gebaut hat. Und mit dieser Abgrenzung startete der Siegeszug der Gartengestaltung. Denn, so scheint es, die Natur muss draußen bleiben!
Anders als im „Freien“ muss im Garten Ordnung herrschen. Es wird gesät, gepflanzt, gejätet, gemäht, vertikutiert, gedüngt, geschnitten, gestutzt, begradigt, gewässert, gestaltet, gegraben, dekoriert und noch viel mehr.
Denn: Das, was die Natur auf unserem Planeten seit Jahrmillionen ganz von alleine hinbekommt, kann sie natürlich in einem Grundstück mit Zaun nicht!
Die Natur ist nicht ordentlich, sie produziert Chaos, dem man entgegentreten muss! So wird es uns in Gartenmärkten, Gartenmagazinen und Gartenshows mehr als deutlich „befohlen“.
Nur wir Menschen wissen, glaubt man diesen, wie man aus der Erde am meisten rausholt. Doch wehe, die Natur spielt nicht mit und schickt nicht genug Regen! Wem geben wir jetzt bloß die Schuld?
Ordnung ist gut, Chaos ist besser.
„Ein Wald, in dem alle Bäume gleich sind (gleich groß, gleich alt, gleiche Sorte) hat perfekte Ordnung. Aber Monokultur zerstört die Böden. Vielfalt und ein bisschen Chaos schaffen Sicherheit.“
Das sagte die vielseitige Künstlerin Anna Monteur in der FunFacts-Folge vom 22. August 2026.
Mir hat sie damit aus der Seele gesprochen, denn genau das treibt mich seit einigen Monaten um: Warum ist die Natur vielen Menschen zu unordentlich?
Eine Erklärung ist, dass unsere Augen und unser Gehirn jahrzehntelang an gestriegelte und geleckte Gärten und ebensolche Rasenflächen gewöhnt wurden.
Bei der noch laufenden Landesgartenschau (LGS) hier in meiner Heimatstadt Ellwangen fing es damit an, dass die Besucherinnen und Besucher sich über zu wenige Blumenbeete beklagten.
Geduldig klärten Gartenbauprofis sie darüber auf, dass in Zeiten des Klimawandels eine „durchgehende“ Bepflanzung, die auch noch regelmäßig angepasst wird, keine Option mehr ist. Das viele Wässern der blühenden Beete ist nicht tragbar. Weder gibt es so viel Wasser, noch so viel Arbeitskraft.
Auch hörte und las man von den Gästen, dass entlang der Wege zu viel „Unkraut“ zu sehen sei und die Gartenanlagen doch gar nicht dem entsprechen, was sie sich unter einer Gartenschau vorstellten.
Anscheinend erwarteten sie penibel gepflegte Rasenflächen, die durchgehend grün, saftig und „monokulturell“ sind, also eintönig! Stattdessen gibt es Wiesen, die Älteren erinnern sich, was das ist.
Die Natur sich ausbreiten lassen
Hier bei uns wurde im Rahmen der LGS nicht nur der Fluss aus seinem Betonbett befreit, es wurden Flächen entsiegelt (namentlich ein riesiger Parkplatz) und Bäume gepflanzt. Landwirtschaftliche Flächen wurden so integriert, dass sich Insekten, Vögel, Fledermäuse, Feld- und Waldtiere und mehr in ihrer ganzen Vielfalt wieder ansiedeln, ausbreiten und sich wohlfühlen.
An unserem renaturierten Fluss kann man es sehen: Es gibt wieder Leben darin und er mäandert in wunderschönen Schlingen so, dass die Hochwassergefahr deutlich geringer ist. Übrigens war das von der Natur schon so vorgesehen, bevor der Fluss einst von Menschen in ihrem Ordnungswahn begradigt wurde.
Ungefähr die Hälfte des gesamten Geländes wurde natürlich belassen: keine Beete, kein Rasen, keine Stauden. Ja, es gibt Zäune, aber nur deshalb, damit sich die Menschen von den Wasserbüffeln, Ponys und Kühen fernhalten. Die Natur kann sich hier ungehindert ausbreiten.
In diesem Bereich (mein Lieblingsbereich) wird nicht gegossen oder gejätet. Und dennoch wächst und blüht alles im Überfluss. Was auf den ersten Blick chaotisch aussieht, zeigt im zweiten, wie harmonisch die Natur zusammenwirkt.
Jede Pflanze ist für etwas gut, oft als wertvolle Nahrung für Raupen, Insekten und Tiere. Es gibt also kein Unkraut, das vernichtet werden muss. Wer das erzählt, ist auf eine falsche Erzählung hereingefallen.
Wie der Pfarrer beim Freiluftgottesdienst in seiner Predigt sinngemäß sagte:
Selbst das größte Chaos der Schöpfung ist besser für die Natur als die größte von Menschen gemachte Ordnung!
Den Raum der Natur zurückgeben
Wir alle wollen hinausgehen können in die Natur, ob mit dem Hund, den Kindern oder einfach so. Es soll Raum geben, wo wir uns erholen können. Oft ist dieser Raum für Menschen und ihre Gerätschaften optimiert: fürs Golfen, Mountainbiken, Walken und Joggen, Radeln, Fußballspielen, Baden, Sonnen und vieles mehr.
„Natürlich“ ist da eigentlich gar nichts mehr. Es darf maximal „naturnah“ sein, genau wie in modernen Gärten.
Noch weiter ausbreiten tut sich traditionell der „Deutschen liebstes Kind“. Ein Stadtplaner wies in einer Diskussion kürzlich darauf hin, dass es für jedes in Deutschland zugelassene Auto durchschnittlich ca. 10 unterschiedliche Stellplätze gibt: zu Hause, bei der Arbeit, vor Läden, Praxen, Kinos, Gaststätten usw.
Bei ca. 50 Millionen zugelassenen Autos kommt ganz schön viel Fläche zusammen, die man zu Gunsten der Natur entsiegeln könnte.
Wir Menschen und unser Lebensstil dürfen uns also ungehindert ausbreiten. Und dann wundern wir uns, wenn die Natur mit ihrem Klima verrückt spielt. Wir nehmen uns immer mehr Raum für unser Vergnügen und den sogenannten Wohlstand.
Wer einen eigenen Garten hat, pflegt diesen in der Regel bis in den letzten Winkel, also bis dahin, wo der Zaun oder die Hecke verläuft. Ordnung muss sein, was sollen denn sonst die Nachbarn sagen?
Über den Gartenzaun hinweg scheint die Verantwortung für die Schöpfung allerdings nicht zu reichen.
Wie kann es sonst sein, dass man Müll am Straßenrand, im Wald, auf Berggipfeln, am Strand und im Meer findet? In Museen der Zukunft werden aus unserer Zeit vermutlich Plastikflaschen und Tetrapaks ausgestellt sein.
Eine Aufgabe mit Trinkgeldpotenzial
Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Landesgartenschau bin ich unter anderem für die Sauberkeit des Geländes und der Innenstadt zuständig. Mit allerlei Werkzeug beladen gehen wir zu zweit samt Bollerwagen los und sammeln Unrat ein.
Noch nie habe ich für eine Arbeit so viel direktes Lob erhalten, wie für diese! Fehlt nur noch, dass mir jemand ein Trinkgeld zusteckt! Gleichzeitig äußern die Menschen ihren Unmut und finden, dass es gar nicht notwendig sein sollte, dass man den Dreck anderer Menschen aufsammeln muss.
Sehe ich auch so, vor allem, wenn es sich bei den Hinterlassenschaften um abertausende Zigarettenkippen handelt, die pro Stück bis zu 1000 Liter Grundwasser verschmutzen.
Genauso wie mir mittlerweile herren- und damenlose Kippen sofort ins Auge fallen, achte ich seit einem kleinen „Miniwildnis“-Workshop auf Pflanzen, die in Ritzen am Straßenrand wachsen. Sie sind wahre Überlebenskünstlerinnen mit wichtiger Bedeutung für zahlreiche Insekten.
Auch sie tragen zum perfekten Chaos der Natur bei.
Was fällt dir in der Welt ins Auge: Unkraut, Kippen oder die vollkommene Schöpfung?
Was ist deine Perspektive auf dieses Thema?
Füge sie gerne in den Kommentaren unten hinzu.
Vielen Dank.


