Ein Herz für Obdachlose
Vor ca. 20 Jahren verlor Friedrich M. in Berlin seinen Aktenkoffer. Unter anderem befand sich darin ein digitales Kontaktbuch mit der Handy-Nummer von Angela Merkel.
Zum Glück wurde der Koffer gefunden. Der Finder, ein Verkäufer einer Straßenzeitung, brachte den Koffer zur Polizei. Diese ermittelte den rechtmäßigen Besitzer, der sich überaus erkenntlich zeigte.
Er schenkte dem ehrlichen Finder sein damals aktuelles Buch. Damit nicht genug der Peinlichkeit. Das Buch hatte den Titel: „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft.“
Nochmals zum Mitschreiben: Friedrich M. schenkte dieses Buch jemandem, der wohnungslos war und für seinen vermutlich recht bescheidenen Lebensunterhalt eine Straßenzeitung verkaufte.
Und das als Finderlohn für einen Koffer, der vermutlich aus dem Luxussegment kam! Ganz zu schweigen vom wertvollen und brisanten Inhalt, für den es, ebenso vermutlich, sicher Kundschaft gegeben hätte, die weit mehr als ein Buch hätten springen lassen.
Nennt man das Zynismus? Ich sage, es ist: Klassismus.
Nein, das ist kein neumodischer Begriff, er existiert schon seit mindestens Mitte des 19. Jahrhunderts. Er war quasi ein Vorläufer der zahlreichen -ismen, die wir heute kennen.
Was bedeutet Klassismus?
Als Klassismus bezeichnet man Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position. Meist richtet sich der Klassismus gegen Angehörige einer „niedrigeren“ sozialen Klasse oder Schicht.
Kurzum: Es wird nach unten getreten – mit Worten und mit Handlungen.
Ein klassistischer Kanzler für Deutschland – oder: der herabschauende Merz
Politiker und Politikerinnen können wirklich von Glück sagen, dass die Menschen, die sie wählen, recht vergesslich sind. Wie sonst lässt es sich erklären, dass genau dieser Friedrich M., der großzügig sein Buch verschenkte, zwei Jahrzehnte später der Regierungschef von Deutschland ist?
Wir hätten es damals schon erkennen können, dass Friedrich Merz vor allem eins fehlt: Empathie.
Ein weiterer Beweis für sein fehlendes Einfühlungsvermögen: Als er 2018 als CDU-Vorsitzender kandidierte, gab er ausgerechnet in einem Interview mit der BILD-Zeitung eine Antwort, die wir tatsächlich nicht vergessen haben. Auf die Frage, ob er zur reichen Oberschicht zähle, sagte er:
„Also, ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht in Deutschland zählen.“
Die Fettnäpfchen des Merz
Seither ist er weiterhin fröhlich in jedes Fettnäpfchen getreten, das sich ihm anbot. Und viele davon waren klassistisch: ob kleine Paschas, Stadtbild. Lifestyle-Teilzeit, Krankheitstage, Thermomix, Private Krankenversicherung oder Altersvorsorge.
All diese Aussagen und noch mehr zeigen eins: Der Kanzler ist herablassend und unglaublich weit weg von der Lebensrealität der meisten Menschen.
Diese werden nämlich zumeist nicht reich geboren, sie erben keine Millionen (oder mehr) und auch reich heiraten oder sich reich scheiden lassen gelingt nur wenigen von ihnen.
Die Wahrheit ist: Der Traum des Aufstiegs in die gehobene Mittelschicht bleibt für die meisten von uns ein Traum.
Sind wir nicht alle ein bisschen Friedrich?
Deutschland ist zwar eine Demokratie, die ihrem Volk großzügige Rechte einräumt, allen voran die Menschenwürde. Tief in uns drin scheint jedoch noch der Kaiser ein Wörtchen mitzureden.
Unser Alltag ist geprägt von selbstgemachten Hierarchien, angefangen beim Schulsystem, das Kinder früh in Leistungsträger und -trägerinnen mit Abitur und Studium und in alle anderen einteilt.
Im Berufsleben sind „Fancy Bullshit Jobs“, die individuellen Wohlstand bringen in der Regel besser bezahlt, als die Berufe, die täglich das menschliche Wohlbefinden sichern.
„Kleine Leute“ werden gerne noch kleiner gemacht, indem wir für sie zwar klatschen, aber niemals ihren Job machen wollten. Und schon gar nicht wollen wir ihnen das Geld bezahlen, das ihr Job wert ist. Lieber geben wir ihnen Trinkgeld und fühlen uns erhaben.
Herabschauen von unten
Das Fatale: Selbst diejenigen, die statistisch gesehen „ganz unten“ stehen, brauchen noch eine Gruppe, auf die sie herabschauen können.
Gerne genommen sind: Frauen, Geringverdienende, Menschen mit Migrationshintergrund, Arbeitslose, Queer-Personen, Menschen mit Behinderung, Arme, Alleinerziehende, Wohnungslose, Menschen in Grundsicherung etc.
Diese eignen sich gut als Sündenböcke, denen man die Schuld an so ziemlich allem geben kann.
Das Ego mag es, sich selbst aufzuwerten. Es fühlt sich einfach gut an, den eigenen Selbstwert scheinbar zu erhöhen, indem man andere abwertet.
Und genau das macht Klassismus so gefährlich wie eine Droge süchtig macht.
Sag mir: Wo fällt dir Klassismus im Alltag auf?
PS: Funfact: Die Rechtschreibprüfung, die ich nutze, kennt den Begriff „Klassismus“ nicht. Höchste Zeit also, mehr darüber zu reden.
Was ist deine Perspektive auf dieses Thema?
Füge sie gerne in den Kommentaren unten hinzu.
Vielen Dank.


