Wen darf man duzen?
Wie sage ich es nur? Vielleicht einfach so, wie es war:
Ich hatte für diese Kolumne schon lange ein Thema im Kopf. Es sollte um das menschliche Miteinander gehen, um Solidarität und um Balance. Auf keinen Fall um Politik!
Doch dann hörte ich bei einer Live-Podiumsdiskussion Landtagsabgeordneten aus Baden-Württemberg zu. Thema sollte sein: Wie wollen wir in Zukunft gut und friedlich zusammenleben?
Tatsächlich ging es dann aber zunächst um die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und in fast allen Fragen irgendwie um die AfD. Deren Vertreter saß mitten im Kreis der Befragten und schaffte es auch in Großaufnahme aufs Pressefoto. Vom Moderator (der Journalist ist) wurde er, im Gegensatz zu allen anderen, geduzt. All das zeigt, wie „normal“ diese Partei mittlerweile behandelt wird.
Nachdem nun auch in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin gewählt wurde, sind meine Feeds voll mit Meinungen, Einordnungen und Ausblicken zur politischen Situation in Deutschland.
Wie ist die Lage der Nation denn nun?
Offen gestanden, halte ich die Lage in Deutschland für sehr unübersichtlich. Es gibt keine eindeutige politische Richtung fürs Land, und das hat nicht nur mit der Bundesregierung zu tun, die ihre Arbeit „nicht gut genug erklärt“.
Es scheint, dass nicht nur Populismus, sondern auch Polarisierung Wahlkämpfe gewinnen. Plus: Wie in Amerika geht es hauptsächlich um die antretenden Personen, weniger um Inhalte, zumindest bei den Spitzenämtern.
Kein roter Faden in den Landesteilen der Republik
In Baden-Württemberg hieß es: Hagel oder Özdemir, wobei letzterer seine Partei auf den Plakaten geflissentlich verschwieg. Ein Erfolg, den jüngst Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern (MV) kopierte, wenn auch in einem anderen Farbton.
In Rheinland-Pfalz gewann fast sensationell die CDU, die in MV gar nicht mehr im Landtag vertreten ist. In München löste ein junger Grüner den alten Roten ab, der sich für Wahlkampf zu schade war, nicht aber für einen bezahlten Nebenjob beim lokalen Fußballverein.
In Sachsen-Anhalt verfehlte die AfD zwar ihr selbstgesetztes Ziel der absoluten Mehrheit, doch weil der Kandidat so charismatisch ist, will er dennoch Ministerpräsident werden, auch wenn er das vorher ausgeschlossen hatte.
Und dann noch Berlin: Hier wurde in New York abgeschrieben, wo der amtierende Bürgermeister ein echtes Thema ins Zentrum seiner Wahlkampagne stellte und damit sensationell gewann. Die mögliche neue regierende Bürgermeisterin von Berlin hat es ihm nachgemacht und auf das drängendste Thema „Bezahlbarkeit“ gesetzt.
Einzige Konstante bei den vergangenen Wahlen: Die FDP spielt in vielen Parlamenten keine Rolle mehr. Besser nicht mitsprechen, als falsch mitsprechen, könnten spitze Zungen sagen. Oder im gelben Partei-Sprech: Der Markt hat es geregelt.
Was wollen die Menschen eigentlich?
Über unseren Kanzler habe ich vor Kurzem schon ausgiebig geschrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass seine herablassende Art noch deutlicher werden könnte. Gut ausgeruht, aber augenscheinlich nach wie vor unreflektiert, tauchte er nach vier Wochen Urlaub auf und schürte kurz Hoffnung mit seiner Mahnung an alle Klimawandelleugner.
Doch schnell war das wieder vom Tisch, ebenso die kürzliche Andeutung, dass eine Abschaffung (in seiner Sprache: Reform) der 2-klassigen Krankenversicherung sinnvoll wäre. Dabei hatte er hier fast erkannt, was sein „Volk“ tatsächlich empfindet: Ungerechtigkeit.
In der Presse wird ein anderer immer wieder als Vorbild genannt: Jürgen Klopp, der neue Bundestrainer im Männerfußball. So einen wie ihn wünschen sich die Menschen als ihren „Regenten“! Und dann noch Hape Kerkeling als Bundespräsident.
Starke Männer oder lieber eine Frau?
Will heißen: Der Personenkult ist sehr stark ausgeprägt und mit ihm wohl die gar nicht demokratische Sehnsucht nach einem „starken Mann“, der das Ruder herumreißt und endlich das tut, was unser Leben besser macht. Ja, es sind immer noch Männer, die das scheinbar am besten können.
Wie gut, dass Sarah Bosetti in ihrer sehens- und hörenswerten Laudatio auf Angela Merkel daran erinnert, wie gut sie uns tat, auch wenn wir sie nicht alle gewählt hatten. Merkel bekam kürzlich den Elisabethpreis der Caritas für ihren Einsatz für Solidarität, Verantwortung und ein respektvolles Miteinander.
Es ist mir fast unangenehm zu sagen: Das mit dem „starken Mann“ wird nicht klappen, wenn wir weiterhin in einer Demokratie leben wollen. Und wenn wir keine Demokratie mehr wollen, dann wird der Herrscher ganz sicher nicht dafür sorgen, dass sein ganzes Volk ein besseres Leben haben wird.
Er wird sich und seinesgleichen bevorzugen. Wenigstens das ist etwas, was Merz gut kann.
Schluss mit der Heldenverehrung
Nicht nur, weil in einer Demokratie das Volk der Souverän (also der Machthaber) ist, sondern auch, weil es entschieden zu viel Arbeit für eine einzige Person ist, benötigen wir keinen Helden, der uns rettet.
Wir brauchen mehr Gemeinschaftsgefühl und mehr Sinn für die wirklich wichtigen Themen, die ein gutes Leben ausmachen. Das sind jene, die jeden Tag unser Leben beeinflussen.
Bei vielen Menschen geht es um die Bezahlbarkeit von Wohnungen, bei anderen um die Möglichkeit, jeden Tag an ihren Arbeitsplatz kommen zu können.
Andere brauchen Unterstützung, weil sie krank, alt oder behindert sind. Und wieder andere können von ihrem Lohn oder ihrer Rente nicht angemessen leben und benötigen Hilfe. Denjenigen, denen es gut geht, ist es wichtig, ihren Status halten zu können.
Gemeinsam ist vielen von ihnen, dass sie Angst haben, in Zukunft nicht mehr gut leben zu können, oder sich ihr aktueller Lebensstandard nicht verbessert.
Ein Ende der Ungerechtigkeit
Weil diejenigen, die weit mehr als genug haben, auf keinen Fall etwas von ihrem Überreichtum abgeben wollen, sind die Schieflage und das Gefühl der Ungerechtigkeit nicht nur in Deutschland enorm.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Milliardäre und Top-Millionäre hierzulande immer reicher gemacht. Und dennoch wollen die meisten Parteien genau so weitermachen und diesen Reichtum, der speziell in Deutschland hauptsächlich ererbt und nicht erarbeitet wurde, nicht einmal minimal besteuern.
Es scheint nicht nur so, es gibt tatsächlich eine einflussreiche Lobby, die die Regierung im Griff hat. Und solange wir, das Volk, willig mitspielen, wird sich nichts ändern. Dabei ist eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer und auch für eine Anpassung der Erbschaftssteuer.
Mehrheiten sind es, um die es in einer Demokratie doch geht, richtig?
Es wäre also so recht einfach und brächte womöglich Stimmen bei der nächsten Wahl.
Was ist deine Perspektive auf dieses Thema?
Füge sie gerne in den Kommentaren unten hinzu.
Vielen Dank.


